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Ganz langsam formt es sich

23. Aug.
3 Min. Lesezeit

Ganz langsam formen sich Erlebnisse, Geschehnisse, Begegnungen, Gedanken und jene kaum greifbaren Augenblicke, die im Moment ihres Erscheinens vielleicht vollkommen bedeutungslos wirken und erst viel später, manchmal nach Monaten, manchmal in einer stillen Nacht, in der ein längst vergessen geglaubtes Bild plötzlich wieder auftaucht, erkennen lassen, dass sie längst Teil einer Geschichte geworden sind, deren Anfang niemand bewusst gesetzt hat und deren Ende glücklicherweise noch niemand kennt.

So entsteht nach und nach jene maereale Welt, in der sich Erinnerung und Vorstellung begegnen, Wirklichkeit in das Reich des Möglichen hinübergleitet und manches, das erfunden erscheint, vielleicht wahrer ist als das, was sich mit Zahlen, Daten und Beweisen belegen lässt, denn zwischen all den sichtbaren Dingen existieren jene feinen Zwischenräume, in denen Zufälle eine seltsame Bedeutung erhalten, Gedanken ihre eigenen Wege gehen und das Leben für einen kurzen Moment den Schleier hebt, hinter dem sich etwas verbirgt, für das unsere Sprache kaum Worte besitzt.

Während draußen die Zeit immer schneller zu laufen scheint, während Nachrichten, Bilder, Meinungen, Versprechen, Ängste und Wünsche in einer Geschwindigkeit durch die Welt jagen, die kaum noch Raum lässt, ihren Ursprung oder ihren Sinn zu betrachten, wächst irgendwo dazwischen eine andere Wahrnehmung, die den sonderbaren Wahnsinn dieser Epoche betrachtet und ihn als Teil unserer Gegenwart akzeptiert, ohne sich ihm vollständig auszuliefern, denn vielleicht gehört auch dieser Widerspruch zum menschlichen Dasein, dieses gleichzeitige Staunen und Zweifeln, dieses Wissen um die Absurdität vieler Dinge und die ebenso starke Fähigkeit, mitten darin einen Augenblick vollkommenen Glücks zu erleben.

Dieses Glück erscheint selten dort, wo große Versprechen gemacht werden, denn meistens kommt es leise, beinahe unscheinbar, vielleicht mit dem ersten Licht eines Morgens, mit dem Geruch feuchter Erde nach einem Sommerregen, mit einem vertrauten Gesicht, einem unerwarteten Lachen, einem Tier, das für einige Sekunden stehen bleibt und einen betrachtet, mit einer Melodie, die eine längst verschlossene Tür der Erinnerung öffnet, oder einfach mit jenem seltsamen Gefühl, für einen winzigen Augenblick mit der Welt im Einklang zu sein.

Vielleicht beginnt genau dort eine andere Vorstellung von Fortschritt, eine, die sich kaum messen lässt und dennoch etwas verändert, weil ein Mensch beginnt genauer hinzusehen, bewusster zuzuhören, freundlicher mit anderen Wesen umzugehen und gelegentlich sogar über die eigene Wichtigkeit zu lachen, während ringsum weiterhin gebaut, beschleunigt, gesammelt, bewertet und verglichen wird und die großen Räder der Welt sich drehen, als hätten sie längst vergessen, weshalb sie ursprünglich in Bewegung gesetzt wurden.

In der maerealen Welt darf der Wahnsinn seinen Platz haben, ebenso das Schöne, das Unverständliche, das Lächerliche, das Traurige und das Wunderbare, denn vielleicht entsteht erst aus ihrer gemeinsamen Anwesenheit jene Tiefe, die eine Geschichte lebendig macht, wenn Licht und Schatten einander berühren, Freude durch die Erinnerung an Vergänglichkeit kostbar wird und selbst ein Irrweg irgendwann einen Sinn erhalten kann, den man am Anfang unmöglich erkennen konnte.

So wird diese Geschichte wachsen, langsam und eigenwillig, gespeist aus Geschehenem, Geträumtem, Beobachtetem und vielleicht auch aus Dingen, von denen niemand mehr mit Sicherheit sagen kann, ob sie tatsächlich stattgefunden haben, wobei diese Frage mit der Zeit ohnehin an Bedeutung verlieren könnte, weil manche Geschichten ihre Wahrheit weniger aus Tatsachen gewinnen als aus dem Gefühl, das sie in uns hinterlassen.

Und während die Welt weiter rast, während Menschen nach Bedeutung suchen, Dinge erschaffen, Dinge zerstören, sich verirren, einander finden und gelegentlich für einen kurzen Moment verstehen, könnte sich zwischen all diesen Seiten eine leise Spur bilden, die daran erinnert, dass Güte keine große Bühne benötigt, dass ein Gedanke weiterwandern kann, dass ein Lächeln manchmal länger lebt als sein Anlass und dass jeder Mensch etwas in die Welt trägt, selbst wenn er niemals erfahren wird, wo dieses Etwas irgendwann ankommt.

Vielleicht liegt darin ein kleiner Zauber dieser maerealen Welt, in der Möglichkeit, den Wahnsinn unserer Zeit betrachten zu können und trotzdem das Glück des einfachen Daseins nicht zu übersehen, die seltsame Schönheit des Unvollkommenen anzunehmen und mit jedem Erlebnis, jeder Begegnung und jedem geschriebenen Wort ein wenig mehr von jener Geschichte sichtbar werden zu lassen, die längst begonnen hat, obwohl noch niemand weiß, wohin sie führen wird.

Und irgendwo, verborgen zwischen dem bereits Geschehenen und all dem, was noch geschehen könnte, wartet vielleicht schon die nächste Seite.


 
 
 

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